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Freitag, April 01, 2011

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 107

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute:

Der 1942 in Griffen geborene, heute vornehmlich in Paris lebende Schriftsteller Peter Handke ist zweifelsfrei nun seit mehr als 30 Jahren einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Im Jahre 1972 "versuchte" er mit "Wunschloses Unglück" den Selbstmord seiner Mutter in einer Erzählung zu verarbeiten.

Einige der besten Zeilen:
- Es fing damit an, daß meine Mutter plötzlich Lust zu etwas bekam: sie wollte lernen; denn beim Lernen damals als Kind hatte sie etwas von sich selber gefühlt.
- Endlich einmal zeigte sich für alles bis dahin Unbegreifliche und Fremde ein großer Zusammenhang: es ordnete sich eine Beziehung zueinander, und selbst das befremdend automatische Arbeiten wurde sinnvoll, als Fest.
- "Seit ich Menschen kenne, liebe ich die Tiere" sagte er, natürlich nicht ganz im Ernst.
- Ein kurzes, unglückliches Lachen, Wegschauen von einem selber, wie die anderen in der Luft herum, dabei ertappt, daß man ein Bedürfnis geseiht hatte wie diese andern, gekränkter Stolz, Versuche, sich doch noch zu behaupten, kläglich, weil man gerade dadurch verwechselbar und austauschbar mit den Umstehenden wurde: etwas Stoßendes Gestoßenes, Schiebendes Geschobenes, Schimpfendes Beschimpftes.
- Es war ohnehin klar, daß jeder die gleichen Sorgen hatte - man unterschied sich nur darin, daß der eine sie halt leichter nahm und der andere schwerer, es war alles eine Temperamentsache.
- Dann musste sie die Augen zumachen, und stille Tränen rannen nutzlos aus dem weggedrehten Gesicht.

Heute wie damals: Sprachgewaltig, behutsam, raffiniert und weise.
Ich habe die Moral dieses Versuchs so verstanden:
Grausames konserviert sich nur in der Vorstellung und es gibt keinen Grund diese aufrecht zu halten. Ich kann mich aber auch irren. Auf jeden Fall ein Meilenstein.

96 Seiten, Suhrkamp Verlag, 6,50 Euro.

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Freitag, März 18, 2011

Buchvorstellung mit Roman L- Ausgabe 106

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Willard und seine Bowlingtrophäen

Der 1984 im Alter von 49 Jahren verstorbene Schriftsteller Richard Brautigan erfuhr in den späten sechziger Jahren einige Berühmtheit. Danach ist es wieder still um ihn geworden und auch nach seinem Tod geriet er mehr und mehr in Vergessenheit.
In "Willard und seine Bowlingstrophänen" zeichnet er das Negativ des amerikanischen Traumes anhand von vier Menschen die aus Langeweile und Geldnot zu morden beginnen.

- Ihr Haar ergoss sich über seinen Schoß wie blondes Wasser.
- Er hungerte wie ein verlorener Stein nach dem samtenen Abendhimmel ihrer Berührung.
- Ihr Vater wünschte sich, das Leben wäre so einfach wie ein Autogetriebe.
- …Patricia war jetzt frei von aller Leidenschaft, ausgepumpt wie ein leerer Swimmingpool im Winter.
- ..es war nichts mehr da, was sie hätten fühlen können.

Wenn das nicht aus dem Jahre 1975 stammen würde, würde man es glatt Herrn Tarantino zuschreiben. Wie er mir selbst sagte, einer der Lieblingsautoren von Phillipe Djian.

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Freitag, November 12, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 100

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe. Heute: Nichts.

Die in 1964 Kopenhagen geborene Schriftstellerin Janne Teller hat vor mehr als zehn Jahren ein Buch geschrieben, dass an dänischen Schulen verboten wurde. Heute sind die Vorurteile beseitigt, aber die Geschichte der jugendlichen Suche nach der Bedeutung im Lebens besitzt immernoch genug Feuer für einen Schwelenbrand. Wie überzeugt man jemanden, der an nichts mehr glaubt.

Einige der besten Zeilen:
- "Und das können wir nicht, denn die Erwachsenen wollen nicht hören, dass wir wissen, dass nicht wirklich etwas etwas zu bedeuten hat und dass alle nur so tun als ob."
- Der Gedanke war nur im Augenblick wahr, als er gedacht wurde.
- Ein Pflaumenbaum hat viele Äste. Viele lange Äste. Viel zu viele, viel zu lange Äste.
- "Wenn sterben so leicht ist, dann deshalb weil der Tod keine Bedeutung hat."
- "Die Bedeutung" Sie nickte. "Sie haben uns ja nichts darüber beigebracht. Also haben wir sie jetzt selbst gefunden."

Ein fesselndes Buch, das nach dem Zuklappen noch viel weiter geht.

Übersetzt aus dem Dänischen von Sigrid C. Engeler

140 Seiten, Hanser, 12, 90 Euro.

















Siehe auch dieses Zeit-Interview von Janne Teller

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Donnerstag, November 11, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 101

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute:

Das wars mit Marie, könnte Jean-Phillipe Toussaint jetzt sagen. Der 1957 in Brüssel geborene Schriftsteller hat seine wunderbare "Marie"-Trilogie abgeschlossen. Auf "Sich lieben" im Jahre 2002, folgte 2005 "Fliehen" und nun "Die Wahrheit über Marie", aber die Bücher funktionieren auch einzeln.
Im neuen Roman passiert Marie gleich zu Beginn Ungeheuerliches und auch ihr Beziehungswirbelsturm ebbt nicht ab. Am Ende kommen sie und der Ich-Erzähler, nein, das wird nicht verraten.

Einige der besten Zeilen:
- ….ein gelbes Licht in diesem geheimen, privatesten Bereich, in dem die Verletzten liegen…
- ..als würden Kleider, wenn sie nicht getragen werden, die Abwesenheit und das Verschwinden desjenigen anzeigen, dem sie gehörten.
- ….denn ihr wurde bewusst, dass ich selbst als Abwesender in ihr weiterleben und sie in Gedanken heimsuchen würde.
- S.37
- Ich betrachtete Marie, und ich begriff, dass es jetzt nicht mehr ich war, der mit ihr zusammen war, ich sah vor mir das Abbild meiner Abwesenheit, aufgedeckt durch die Anwesenheit dieses Mannes.

Jean-Toussaint schreibt schlichtweg dicht und zauberhaft.

Aus dem Französischen von Joachim Unseld.

Frankfurter Verlagsanstalt; S.189; 19,90 Euro.

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Freitag, November 05, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 99

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Ein französischer Roman

Das französische Enfant terrible Frederic Beigbeder hat bei sich selbst aufgeräumt. Die Verhaftung aufgrund Dorgenkonsum vor der Diskothek "Le Baron" zum Anlass beginnt er längst vergessene Kindheitserinnerungen heraufzubeschwören, um so sein heutiges Ich zu reflektieren. Eine literarische Autobiographie, wenn man so will.

Einige der besten Zeilen:
- Ich hoffe, dass dieses Buch Ihnen die Flucht ermöglicht, so wie mir in jener Nacht.
- Wenn die Kinder, selbst Eltern geworden, dann endlich wissen wollen, woher sie kommen, antworten die Gräber nicht mehr.
- Die Familie ist eine Abfolge lästiger Pflichten, eine Horde von Menschen, die dich viel zu früh kennengelernt haben, bevor du überhaupt fertig warst - und die Alten wissen natürlich am besten, dass du davon noch immer weit entfernt bist.
- Eine Familie ist eine Gruppe kommunikationsunfähiger Menschen, die einander lautstark ins Wort fallen, sich gegenseitig auf die Palme bringen, die Zeugnisse ihrer Kinder genauso vergleichen wie die Inneneinrichtung ihrer Häuser und sich schon um das Erbe streiten, wenn die Leiche noch warm ist.
- Das Schweigen der Lebenden ist schwerer zu verstehen, als das der Toten.
- Als ich die Klinik verließ, war es so dunkel geworden, als hätte jemand das Licht ausgeknipst.
- Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass alle Märchen mit der Hochzeit enden?
- Es ist schwer, sich von einer unglücklichen Kindheit zu erholen, aber vielleicht unmöglich, sich von einer behüteten Kindheit zu erholen.
- Phantasie ist eine Form der Erinnerung.
- Seit damals benutze ich das Lesen als Mittel, die Zeit zum Verschwinden zu bringen, und das Schreiben als Mittel, sie festzuhalten.
- Der Mensch ist ein Entdecker, aber vielleicht hört er ab einem gewissen Alter einfach auf, nach vorn zu schauen, und dreht sich um. Wenn er sich fortpflanzt, hat er daher einen Führer, um sich selbst noch einmal zu erforschen.
- Der Knast ist wirklich ein super Club zum Kennenlernen.
- Meinen Vater habe ich mit sieben Jahren verloren, meinen Bruder mit achtzehn. Und das waren die Männer meines Lebens.

Schreiend komisch, sentimental, narzistisch und schonungslos.

Übersetzt aus dem Französischen von Brigitte Große

253 Seiten ,Piper Verlag, 19, 95 Euro

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Freitag, Juli 30, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 92

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Mein Dante

Roberto Begnini ist einer der begnadetsten Schauspieler weit über die Grenzen Italiens hinaus.
Auf der Bühne hat er seinen Dante oft erklärt, nun folgt endlich das Buch mit seiner spielerischen Anleitung zum Verständnis der Göttlichen Komödie.

Einige der besten Zeilen:
- Dante wusste seit jeher, dass er Dante der Größte von allen war, und er spürte, dass er durch sein Schreiben Gott herausforderte, weil er über die Menschen urteilte.
- Die Ilias sagt uns das ganze Leben ist ein Kampf, die Odyssee, das ganze Leben ist eine Reise, das Buch Hiob, das ganze Leben ist ein Rätsel und die Göttliche Komödie, das ganze Leben ist Verlangen. Aber auch Liebe.
- An dieser Stelle genügt kein bloßer Beifall mehr. Hier möchte man sich ausziehen und es mit dem Tisch treiben, so schön ist es.
- Wie alle großen Revolutionäre liebte Jesus das Leben. Abgesehen davon, dass er immer Wein trinkt (ich glaube ich habe nur ein einziges Mal gelesen, dass er Wasser trinkt)...
- Man ist natürlich schlecht beraten, wenn man Dichter werden will, und ausgerechnet zu Zeiten Dantes geboren wird.
- Es ist also nicht die Wahrheit, die die Schönheit ausmacht, vielmehr macht die Schönheit die Wahrheit aus.
- Es ist kein Fehler zu glauben, dass alles, was wir erleben ein Traum ist. Jemand hat ihn für uns geträumt und ich bin ihm dafür dankbar, solange ich lebe.

Zum ersten Mal habe ich Dante verstanden. Ein witziges und überaus lehrreiches Buch.

Mit einem Vorwort von Umerto Eco.

224 Seiten, Luchterhand Verlag, 8 Euro.

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Freitag, Juli 09, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 91

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Der Jesus vom Sexshop

Helge Timmerberg, 1952 in Dorfitter geboren, ist Kolumnist, Schriftsteller, spätestens seit „Kinder fressen keine Jogis“ oder „Der Schneekönig“ bekannt und ein lustig abgedrehter Hund, wenn man das sagen darf.
In seinen neuen Reiseberichten ,mit dem mir etwas zu reißerischen Titel „Der Jesus vom Sexshop“, macht er nicht nur Lust auf ferne Länder, sondern unterhält wie gewohnt bestens.
Diesmal beschreibt er Erlebnisse in Havanna, Paris, Indien, Tel Aviv, Belgrad, Brasilien oder Nordkorea, um nur einige zu nennen.

Einige der besten Zeilen:
- Van Morrison hatte gerade „Moondance“ veröffentlicht, und Jimi Hendrix war vor drei Monaten gestorben. Mit ihm starb das Jahr.
- Flamenco ist die Seide, mit der man zerrissene Herzen näht.
- Augen sind die Fenster zur Seele, und ihre schienen schwer manipuliert.
- Ideen wollen verwirklicht werden. Das ist ihre Natur. Werden sie nicht umgesetzt verwandeln sie sich in Träume.
- Als wir Rum hatten, sah die Welt vollständiger aus.
- Wonach muss ein Schreiber trachten, damit der Nobelpreis sein Trostpflaster wird?
- Nichts, außer der Liebe kann das Gesetz außer Kraft setzen, aber Liebe ist nun mal ein ganz und gar unorganisierbares Phänomen.
- Die gesamte Wien-Geschichte S. 275
- Und Eitelkeit ist auch eine Schwäche. Weil leicht zu manipulieren. Doch: Niemand ist eitel ohne Grund.
- ....aber alles Geschriebene würde zur Not in einen einzigen und nicht mal langen Satz passen, der die siebziger Jahre erklärt und hundertprozentig stimmt: Sechs Hippies waren schwächer als vier Mohammedaner.

Packend, witzig, abgründig, sprachgewaltig. Darüber hinaus ist das Buch überaus informativ, da fast an jeden Ort Erfahrungen aus verschiedenen Jahrzehnten gegenübergestellt werden.
Lesen!

301 Seiten, Rowohlt Berlin, 18,95 Euro.

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Freitag, Mai 21, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 87

Jede Woche stellc ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Auch Deutsche unter den Opfern

Benjamin von Stuckrad-Barre mag es bestimmt nicht, wenn man ihn als Enfant terrible der „neueren deutschen Literaturszene“ bezeichnet. Herr von Stuckrad-Barre mag so einiges nicht, einiges mag er aber auch.
In „Auch Deutsche unter den Opfern“, einem Buch in Tradition seiner Werke wie „Remix“ oder „Deutsches Theater“, beobachtet er wieder und beobachtet dezidiert. Er sieht Westerwelle, Grass, Lindenberg, der Linken, Grönemeyer und Westernhagen aufs Maul, geht nebenbei zum Plattenkaufen, macht sich Gedanken über den Winter oder steht an der Theke im Grill Royal.
Texte über die Realität, unsere Zeit und allen voran über Deutschland.

Einige der besten Zeilen:
- Lindenberg will, wie immer, alles. Es soll knallen und rocken, und natürlich sollen auch Tränen fließen, „Taschenlampe ganz tief rein in die Seele“, wie er das nennt.
- Haußmann lacht: „Familie ist mein Spezialgebiet, da bin ick Meister im Inszenieren.“
- Mich selbst hatte ich beim hektischen Umsteigen auf irgendeinem Bahnhof des Landes stehen lassen.
- Im Wartezimmer eines Unfallchirurgen lässt sich bei jedem Mitwartenden schnell erraten, warum er dort ist – bei HNO-Patienten ist das nicht ganz so leicht, obschon die betroffene Körperregion klar umgrenzt ist. Am unterhaltsamsten ist dieses wartezeitvertreibende Spielchen im Wartezimmer eines Psychiaters.
- Eine Lösung könne immer nur die Reform der Reform bedeuten, aber dies dürften Politiker nun mal nicht zugeben, denn dann käme der Nächste, der behauptet, er hätte jetzt die Lösung, und dann werde der gewählt.
- Für sie gilt dasselbe wie für Damen, die man aus Versehen etwas zu früh zu einem abendlichen Vorhaben abholt und die einem dann missvergnügt, mit Lockenwicklern im Haar, Quarkmaske im Gesicht und Epiliergerät in der Hand die Tür öffnen: Ihre verzaubernde Wirkung entfalten sie erst im vollen Ornat, bitte bis zum Ende aller Dekorationsübungen die kritischen Augen schließen.
- Heute fährt man dazu aufs Land. Hier einzukaufen ist billiger und bequemer als in Innenstädten, das ist kurz gesagt, blöd für – zum Beispiel Karstadt.

Ein Buch wie eine Reise durch die Republik.
Durch viel Subjektivität zum Objektiven.

334 Seiten, Kiepenheuer und Witsch, 14, 95 Euro.

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Freitag, März 19, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Augabe 80

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Und die Nilpferde kochten in ihren eigenen Becken

Die Begründer einer ganzen Generation, der Beat Generation haben gemeinsam ein Buch verfasst, das mehr als fünfzig Jahre auf seine Veröffentlichung warten musste. Jack Kerouc, den sein Roman „Unterwegs“ unsterblich machte und William Bourroughs dessen „Naked Lunch“ einen Meilenstein irrwitziger Literatur darstellt, schrieben damals auf was sie bewegte. Ein Freund hatte einem Freund etwas angetan. Eingekleidet in existentialistisches Gedankengut vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Aufschwungs im Amerika der vierziger Jahre reihten sie drehbuchartig jeweils ein Kapitel des einen, an ein Kapitel des Anderen. Realität, Lebenspläne und Erotik.

Einige der besten Zeilen:
- In den Strassen wurde es langsam grau.
- Mit zwanzig Jahren ist Delta bereits eine gestandene Lesbe, die schon zwei oder drei herzzerreissende Affären und vier Selbstmordversuche hinter sich hat.
- „Du bist ein Fisch im Teich. Der Teich trocknet aus. Du musst zu einer Amphibie mutieren, aber es hält dich einer fest, der dir einredet, im Teich zu bleiben: Es wird schon nichts passieren.“
- „Vorsicht ist nun mal keine Tugend der Jugend.“
- Und eines Tages, dachte ich, springt ganz Amerika plötzlich auf und brüllt: „Das lass ich mir nicht gefalle!“, um dann schubsend, fluchend und mit ausgefahrenen Krallen auf den Nächstbesten loszugehen.
- Ich war sauer, denn es würde ei heißer Tag werden.

James Grauerholz gebührt vielleicht nicht der gleiche Dank wie Max Brod, aber dieses Buch ist wichtig, ein Genuss und birgt eine Menge zum Verständnis zweier Weltliteraten.

Großartig übersetzt von Michael Kellner

189 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, 17,90 Euro.

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Freitag, März 12, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 79

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Montauk

Der 1911 in Zürich geborene und 1991 verstorbene Max Frisch hat Gewaltiges erschaffen und erntete dafür nicht nur den Georg- Büchner-Preis oder den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
„Montauk“ ist zweifellos sein persönlichstes Buch. Rund um seinen 63. Geburtstag legt er nicht nur seine Einstellung bezüglich des Lebens, seine Beziehung zu der Verlagsangestellten Lynn, sondern auch seine Verbindung zu Ingeborg Bachmann offen.

- Da Lynn nicht gelesen hat, was ich veröffentlich habe, genieße ich es einmal lauter Gegenteil zu reden.
- ...alles, was ich einsehe, erscheint auch durchführbar, ich muss es nur nicht aussprechen, sondern tun.
- Also nicht weil ich meine, die Öffentlichkeit belehren oder bekehren zu müssen, sondern weil man, um sich überhaupt zu erkennen, ein imaginäres Publikum braucht, veröffentliche ich.
- Jedes erste Mal mit einer Frau; wieder das erste Mal; die Verwunderung ohne Erinnerung.
- Andere können sagen: 5 Jahre im Krieg, 2 Jahre in Gefangenschaft. Ein anderer: 10 Jahre im Lager. Sie wissen warum das Leben so kurz gewesen ist.
- Ich bin dreißig und habe endlich einen Brotberuf, ein Diplom, ich bin dankbar, dass ich eine Stelle habe: acht bis zwölf und eins bis fünf. Ich kann heiraten.
- Auf der sommernächtlichen Terrasse mit Blick über Rom schlafe ich mit dem Gesicht in der eigenen Kotze.
- Man vergibt sich mit seinen Geheimnissen.
- Ich probiere Geschichten an wie Kleider
- Lynn wird kein Name für eine Schuld

Detailliert, schonungslos, sprachgewaltig.

206 Seiten, Suhrkamp Verlag, 8 Euro.

(Mehr über den Autor, siehe die Rezensionen zu Stiller oder Homo Faber)

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Freitag, Februar 12, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 73

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor,welche ich in der jweiligen Woche gelesen habe.
Heute> Soul Kitchen

Die 1974 geborene Schriftstellerin Jasmin Ramadan kann schreiben. Da verwundert es nicht, dass sie 2006 mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. In ihrem ersten Roman erzählt sie die Geschichte des Griechen Zinos Katzanzakis, noch bevor er sein Lokal „Soul Kitchen“ eröffnet. Zeilen der Sehnsucht, des Fernwehs und der Suche nach Heimat.

Einige der besten Zeilen:
- Du kennst eine Frau erst, wenn sie dir einen Brief geschrieben hat.
- Die große Liebe war so wie Prince sie besang: versaut.
- Sie stritten, da sie einander liebten, aber sich nicht leiden konnten.
- Wenn man das Leben nicht ernst nimmt hat man auch keine Freuden.
- Ich hab schon mit drei Janis was gehabt. Beachparty, verstehst du..
- Das Paradies ist doch nur ne optische Täuschung.
- Ich bin Perfektionistin, schon deswegen ist die Wohltäterei nichts für mich.
- Erwachsensein bedeutet man kann seine Verletzbarkeit besser verstecken und verdient Geld.

„Soul Kitchen“ ist natürlich die Geschichte vor dem gleichnamigen Film von Fatih Arkin. Bevor heißt aber nicht schlechter. Wer den Film, wie ich liebte, wird es beim Buch ebenso ergehen.

254 Seiten, Blumenbar Verlag, 14, 90 Euro.

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Freitag, Januar 08, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 71

Jede Woche stelle ich euch Bücher vor, welche in in der jweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Extrem laut und unglaublich nah

Seit seinem Weltbestseller „Alles ist erleuchtet“ gilt der 1977 geborene Jonathan Safran Foer als Wunderkind der amerikanischen Literaturszene. Im Jahre 2005 erschien sein zweites Werk in Deutschland.
Der neunjährige Protagonist Oskar Schell findet in den Hinterlassenschaften seines Vaters in einem mit dem Wort „Black“ beschrifteten Kuvert einen Schlüssel, woraufhin er sich in ganz New York auf die Suche nach dem passenden Schloss macht.

Einige der besten Zeilen:
- Wie auch immer – faszinierend fand ich, dass laut National Geographic die Zahl der heute lebenden Menschen die Zahl all derer übertrifft, die im Laufe der Menschengeschichte gestorben sind.
- Wenn Limousinen superlang wären, bräuchten sie überhaupt keinen Fahrer. Man könnte einfach hinten einsteigen, durch die Limousine gehen und vorne aussteigen, und dann wäre man am Ziel.
- Mein Lieblingsbuch ist Eine kurze Geschichte der Zeit, das ich allerdings noch nicht durch habe, weil die Berechnungen darin unglaublich schwierig sind und Mom mir dabei keine große Hilfe ist.
- Ich schüttelte die ganze Zeit mein Tamburin, weil ich auf diese Weise nicht vergaß, dass ich immer noch ich selbst war, obwohl ich durch einen fremden Stadtteil ging.
- Sie sah aus als hätte sie geweint, obwohl das nicht sein konnte, denn sie hatte mir einmal erzählt, dass sie ihren Vorrat an Tränen verbraucht habe, als Opa gegangen war.
- „Wir sind etwas oder?“ Doch im Innersten meines Herzens wusste ich die Wahrheit.
- Wir hörten auf zu lachen, ich nahm die Welt in mich auf, ordnete sie neu und sandte sie als Frage wieder aus: „Magst du mich?“
- Furchtbar, dass wir leben müssen, aber tragisch, dass wir nur ein Leben haben, denn wenn ich zwei Leben gehabt hätte, hätte ich eins davon mit ihr verbracht.
- „Ich muss nicht fair sein! Ich bin dein Sohn!“
- Schüchternheit bedeutet, den Blick von etwas abzuwenden, das man haben will. Scham bedeutet, den Blick von etwas abzuwenden, das man nicht haben will.
- Ich habe etwas verloren, das ich nie gehabt habe.

Oskar Schell ist eine Art Holden Caulfield, oder auch vergleichbar mit Oskar Matzeratz, aber abgedrehter, neuzeitlicher, trauriger und witziger.
„Extrem laut und unglaublich nah“ ist eine Offenbarung, weil Foer offenbar seine literarischen Grenzen abstecken wollte, jedoch an keine gestoßen ist. Ein melancholischer, lakonischer Riesenspaß.

Übersetzt von Henning Ahrens

480 Seiten, Fischer Verlag, 9,95 Euro.

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Freitag, Dezember 18, 2009

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 69

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche las.
Heute: Bei den wilden Kerlen.

Seit seinem Debütroman „Ein herzzreißendes Werk von umwerfender Genialität" ist er Nilz Bokelbergs Lieblingsschriftsteller. Ohne Zweifel zählt der 1971 geborene Dave Eggers zu den besten amerikanischen Schriftstellern seiner Generation. Im Jahre 2003 beteiligte er sich auf Anregung von Regisseur Spike Jonze am Abfassen eines Drehbuches, das auf den Kinderbuchklassiker “Wo die wilden Kerle wohnen“ basiert.
2008 werden die beiden fertig. 2009 kommt der Film in die Kinos. Wo die wilden Kerle wohnen ist somit mehr oder minder das Buch zum Film.

- Max war enttäuscht von ihr. Mädchen waren solche Mädchen.
- Sein Herz hatte sich anscheinend gespalten, war nach Norden gewandert und schlug ihm jetzt in beiden Ohren.
- Hin und wieder hatte Max das Gefühl, dass sich seine Gedanken ordnen ließen, dass sie in einer Reihe aufgestellt und gezählt und dazu gebracht werden konnten, sich gut zu benehmen.......Aber es gab andere Zeiten, andere Tage, eigentlich die meißten Tage, da reihten sich seine Gedanken nicht hintereinander auf. Tage, an denen er verschiedenen Erinnerungen und Launen hinterherjagte, während sie von ihm wegsprangen und Haken schlugen, sich im Dickicht seines Kopfes versteckten.
- Langes Schweigen trat ein. Max fragte sich, ob er sagen sollte, dass es ihm leid tat, denn das tat es. Aber er konnte die Worte Es tut mir leid nicht finden. Ihm fielen nur solche Worte ein wie Ich will unter meinem Bett leben und Bitte nimm mich zurück und Hilfe.
- Es war ein stiller Abend und er wollte ihn mit seiner eigenen Stimme aufschlitzen.
- Der Bulle trug Max durch den Wald, während alle jauchzten und tanzten, und zwar auf ein e ausgesprochen unschöne – Sabber und Schleim sprühten in alle Richtungen – aber auch festliche Art.
- Überall lagen Trümmer herum, wie eine Landschaft nach einem Erdbeben, und Max fühlte sich ganz wie zuhause.
- Wieder griff Max in den dunklen Samt seines Gehirns und fand etwas. War es ein Juwel? Er wusste es nicht genau.
- Wir wollen was, wir wollen. Wir wollen alles, was wir wollen.
- Die Stille war tiefgreifend. Max Untertanen waren so unterwältigt, dass sie sich jedes Wort sparen konnten.
- Wenn er aus seiner eigenen Haut herausgekonnt hätte, er hätte nicht gezögert.

Eggers hat wunderbares vollbracht. Er hat einem Kultkinderbuch nicht nur neues Leben eingehaucht, nein, er haucht den wilden Kerlen die Leben ein, die sie seit Jahrzehnten verdient haben und zollt dem Original nebenbei mehr als Respekt. Das Buch ist nicht nur an einigen Stellen anders, nein, es ist einfach besser als der Film.

240 Seiten; Kiepenheuer & Witsch Verlag; 18,95 Euro.

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Freitag, Dezember 04, 2009

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 68

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche las.
Heute, etwas verspätet: Faserland

Der Debütroman des 1966 in der Schweiz geborenen Schriftstellers Christian Kracht, machte ihn nahezu über Nacht berühmt. Die Geschichte eines jungen Hedonisten und seiner Reise durch Deutschland ist längst Kult.
Lakonisch, sozialkritisch und treffend.


Einige der besten Zeilen:
- Obwohl, so wie sie lacht, wie sie das Haar aus dem Nacken wirft und sich leicht nach hinten lehnt, ist sie sicher gut im Bett.
- Also zahle ich dem Taxifahrer seinen Fahrpreis und gebe ihm noch ein dickes Trinkgeld, damit er in Zukunft weiß, wer sein Feind ist.
- Die Frau ist, das sage ich mal so, von Sommersprossen direkt zu Altersflecken übergegangen, und das ist sicher kein so schlechter Übergang.
- In Hamburg sind alle Mädchen barbourgrün, in Berlin ziehen sie sich betont schlecht an, damit sie so aussehen wie Künstler, und in München haben die Mädchen wegen dem Föhn so sein seltsames inneres Leuchten.
- Ich habe ja Schwierigkeiten damit, neue Leute kennenzulernen, deswegen freut es mich, einen Menschen kennenzulernen, der in Ordnung zu sein scheint.
- Nigel kommt mir einfach so in den Kopf, und er bleibt da und will nicht weg.
- Karin redet und redet. Das ist wirklich das Gute an ihr, da- man hinhören kann oder nicht, und beides ist genau gleich viel wert, im Endeffekt.

Faserland war der Gesellschaftsroman seiner Generation. Ein Buch, für den ein eigenes Genre erfunden werden musste. Ein Roman, der auch heute kaum an Charme verloren hat.

151 Seiten, Welt edition, 9,95 Euro.

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Freitag, November 13, 2009

Buchvorstellung mit Roman L- Ausgabe 66

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Die Gespenster von Berlin (Unheimliche Geschichten)

Was für ein Titel, den Sarah Khan da gewählt hat. Ist es ein Horrorbuch? Gott bewahre, nein. Die 1971 in Hamburg geborene Autorin (3 Romane) und Journalistin hat sich in Berlin auf die Spuren unerklärlicher Vorkommnisse begeben. Was ihr widerfahren ist, hat sie in 14 kurzen Geschichten niedergeschrieben. Das ist zwar bisweilen gruselig, jedoch fördert es ebenso mehr deutsche Vergangenheit zu Tage als man es erträumen könnte.

Einige der besten Zeilen:
- Sie ist die Frau aus der Nachbarschaft, man trifft sie im Supermarkt, in der Schlange der Postfiliale. Sie ist wie Montag, wenn sie das Kind bringt, wie Dienstag, wenn sie in der Schwimmhalle ihre Bahnen zieht, wie Mittwoch, wenn sie das Kind holt, wie Donnerstag, wenn sie einkauft, und wie Freitag, wenn sie mit einem Kuchenpaket vom Konditor kommt.
- Der Weg der Weisheit, wenn er über den Wein führt, ist ein harter.
- Jeder einzelne windschiefe Ziegel ist zu sehen. In Neapel wäre das malerisch, hier wirkt es wie ein kaputter Gruß aus einem zahnlosem Maul.
- "Man sucht immer seine Schule."
- Je weniger man weiß, desto leichter ist es, das, was man zu sagen hat, in Ordnung und Übersichtlich zu sagen.
- S.137
- Denn das machen einige der echten, alten Berliner so. Als wären Köpfe Apfelbäume, die man ein wenig schütteln muss.
- Ingo wohnte hier, nahm Ketamin, eine Droge, die einen kurz bewußtlos macht und auf Reisen schickt, und er starb, bevor er in seinen Körper zurückkehren konnte, denn seine Zigarette verursachte einen Schwelbrand, er erstickte.

Ich habe Angst gehabt, gelacht, nachgedacht und es hat mich in meine Träume verfolgt. Ein dolles Buch in schöner Sprache.

190 Seiten; Suhrkamp nova; 9,90 Euro.

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Freitag, Oktober 02, 2009

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 62

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, die ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: "Stiller"

Über den 1991 in Zürich verstorbenen Schriftsteller Max Frisch ist nahezu alles geschrieben worden. Jeder hat seinen Namen schon einmal gehört, aber sein angeblich wichtigstes Werk, haben in Gegensatz zu „Homo Faber“ nicht alle gelesen.
Herr White wird bei der Einreise in die Schweiz festgenommen. Es wir vermutet, dass sein Pass gefälscht und er in Wahrheit der verschwundene Bildhauer Anatol Stiller ist. In seinen Aufzeichnungen bis zur Gerichtverhandlung begibt man sich so auf die Reise nach der Wahrheit.
Die Auseinandersetzung eines Menschen mit sich selbst, herausragende Stilistik und die Begrenztheit des eigenen Ichs.

Einige der besten Zeilen:
- Ein kleiner Italiener singt jedes Mal.
- Ich bin ein unglücklicher, nichtiger, unwesentlicher Mensch, der kein Leben hinter sich hat, überhaupt keines. Wozu mein Geflunker? Nur damit sie mir meine Leere lassen, meine Nichtigkeit, meine Wirklichkeit, denn es gibt keine Flucht, und was sie mir anbieten, ist Flucht, nicht Freiheit, Flucht in eine Rolle. Warum lassen sie nicht ab.
- Ich bin geflohen, um nicht zu morden, und habe erfahren, dass gerade mein Versuch zu fliehen, der Mord ist.
- Ihr Blick drohte mit Sterben.
- Gestern in Davos. Es ist genau so, wie Thomas Mann es beschrieben hat.
- Meine Angst: Die Wiederholung -!
- Denn Trotz ist das Gegenteil von wirklicher Unabhängigkeit.
- S. 241.
- Ich habe keine Sprache für meine Wirklichkeit.
- Es fiel ihm nicht ein, sich zu entschuldigen. Und der Riss blieb offen.
- Es gibt allerlei Arten, einen Menschen zu morden oder wenigstens eine Seele, und das merkt keine Polizei der Welt.
- Wer sich selbst nur immerzu als Opfer sieht, meine ich, kommt sich selbst nie auf die Schliche, und das ist nicht gesund.
- S.149.
- Wenn ich so alleine bin, siehst du, und mich an alles erinnere, das ist das Schlimme, dass man allein nicht darüber lachen kann, oder dann ist es nur so ein böses bitteres Lachen, so dass man später über genau die gleichen Dinge doch wieder heult.
- Aber vielleicht hast Du dich als jemand bewähren wollen, der du gar nicht bist.
- Wenn ein Mensch, ein vertrauter, uns zum ersten Mal hasst, wirkt es ja fast wie eine Farce, aber es war sein wirkliches Gesicht, wahrhaftig, und ihr Lachen gefror.
- Man will Eindruck machen, dort wo man liebt, und wenn es dort nicht gelingt, gehen wir in die Öffentlichkeit!

„Stiller“ ist Weltliteratur, die vor allem aufgrund der unterschiedlichen Lebensvorstellungen und Identitäten eines einzigen Lebens seinen Bann entwickelt.
Das Werk ist einer, der Lieblingsromane von Hermann Hesse gewesen.

4342 Seiten, Suhrkamp Verlag, 10 Euro.

(Siehe hierzu auch die Rezension zu "Homo Faber")

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Freitag, August 28, 2009

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 61

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche las.
Heute: Unser Allerbestes Jahr

Der kanadische Schriftsteller David Gilmour war langjähriger Chefredakteur des Toronto International Film Festivals, das muss man wissen, um die in den Hauptplot eingearbeitete Nebenlinie seines ersten Romans zu verstehen. Jesse, Davids sechzehnjähriger Sohn, will die Schule abbrechen. Was soll nur aus seiner Zukunft werden? Unter der Vorraussetzung mit ihm zusammen jede Woche etliche Filme, mit entsprechendem Einführungsmonolog anzusehen, stimmt David dem Abbruch der schulischen Karriere seines Sohnes zu. Gelingt das Vorhaben Werte und Zwischenmenschliches über die Mattscheibe zu vermitteln?

Einige der besten Zeilen:
- „Es geht um die Qualität der Sorgen und Ängste“
- Und wieder konnte man sehen, wie seine Gliedmaßen ganz leicht wurden, ein Urlaub von dem Nebel aus Angst und Selbstkritik, zu dem er aber, wie von der Schwerkraft angezogen, später wieder zurückkehren sollte.
- Es ist ein hinreißender Augenblick, so voller Energie, dass ich beim Zuschauen bis heute das Gefühl habe, bei etwas unglaublich Wichtigem dicht dabei zu sein – ohne es endgültig besitzen zu können.
- Ab einem gewissen Alter kann man nicht mehr viel für seine Kinder tun, aber man hat immer noch diesen Impuls – und kann nichts mehr damit anfangen.
- „Dass man im Jetzt glücklicher ist als man denkt?“
- „Über eine Frau wegzukommen, ist ein Prozess, der seinem eigenen Zeitplan folgt, Jesse“.
- Ich spürte Ärger in mir hochsteigen, der Ärger prickelte auf meiner Haut, fast wie Schweiß –
- Ich tendiere dazu, dich nicht mehr zu lieben.
- ich musste auf den Augenblick warten, wenn er zufällig meinem Blick begegnete und ich die Geschichte wie an einem Haken aus ihm herausziehen konnte.
- Alle Gedanken führen nach Rom.

Im Grunde konnte „Unser Allerbestes Jahr“ nur fehl gehen, aber es funktioniert. Wissenswertes über unzählige Filmklassiker gepaart mit einer anrührenden Vater-Sohn-Geschichte.

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Freitag, August 07, 2009

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 58

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche las.
Heute: Delizia

Der überaus erfolgreiche Historiker und Journalist John Dickie hat sich in "Delizia" auf die Spuren der italiensichen Küche begegeben. Entstanden ist somit ein wunderbares Sachbuch randvoll von Mythen, vergessenen Rezepten, Klarstellungen und kulinarischen Exzessen, die einem bisweilen das Wasser im Mund zusammen laufen lassen.

444 Seiten, S.Fischer Verlag, 22, 95 Euro.

Übersetzt von Sebastian Vogel

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Freitag, Juli 03, 2009

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 55

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche las.
Heute: Ruhm

Daniel Kehlmann, Daniel Kehlmann, Daniel Kehlmann. Jeder kennt den Namen des 1975 in München geborenen Schriftstellers, der mit seinem vierten Roman eine der größten Stückzahlen der Nachkriegszeit abgesetzte. Schwer diese Messlatte auch nur zu halten. Sein neues Werk „Ruhm“ soll, laut Umschlag, ein Roman in neun Geschichten sein. Es handelt von Personen, die in mannigfaltige Lebenssituationen geworfen werden und um den Nutzen der technischen Entwicklung. Als Leser fühlt man hier in einer Dreiecksbeziehung mit, wandelt in den Schuhen eines Schriftstellers, taucht in die Welt eines Bloggers oder sieht sich mit den Gewissenbissen eines Paulo Coelho sehr ähnlichen Menschens konfrontiert, um nur einige zu nennen.

Einige der besten Zeilen:
- Sie hatte ihre Fingernägel in seinen Rücken geschlagen, die Augen einwärts gedreht und sich in seiner Schulter verbissen, und als sie einige kraftraubende Stunden später durch den frühen Morgen heimwärts gefahren war, hatte sie gewusst, dass sie ihn wieder sehen wollte und dass es in ihrem Leben vielleicht Platz für ihn gab.
- Wer nichts erlebt habe, so hatte ihr vor Jahren ein alter Arzt gesagt, der erzähle gern, habe einer aber viel erlebt, habe er plötzlich nichts mehr mitzuteilen.
- Im Gegenlicht ist alles schön.
- Er war ins Bett gekommen und hatte sie auf den Rücken gedreht, und im Halbdunkel unter der Decke waren sie erschöpft und in seltsamer Wut eins geworden.
- S. 57
- Bleiben die Enkel. Niemand interessiert sich für die der anderen, aber man hört zu, damit man Recht hat, von den Eigenen zu sprechen.
- Er hatte schon lange den Verdacht, dass das Fotographiertwerden sein Gesicht abnützte.
- Natürlich bewies es nichts dergleichen, es zeigte bloß, dass Selbstbeobachtung die Persönlichkeit wirr macht, den Willen ablenkt und die Geisteskraft bricht, es bewies, dass kein Mensch, von außen und mit Klarheit gesehen, sich selbst ähnelt.
- Was ist denn besser, die Erde mit Teppich zu bedecken oder sich Schuhe anzuziehen?
- Also Bett und Licht aus und Kissenklammern. Traumolympiade, wie meine Mutter immer sagt.
- Aber die Welt bricht fast jeden, und warum hätten ausgerechnet meine Träume wirklich werden sollen.....
- Wie ging das eigentlich früher vor sich? Wie log und betrog man, wie hatte man Affären, wie stahl man sich fort und manipulierte und richtete seine Heimlichkeiten ein ohne die Hilfe hochverfeinerter Technologie?

Die Idee Personen geschichtenübergreifend auftauchen zu lassen ist sicher nicht neu und bringt das Buch für mich auch nicht zu der Etikettierung „Roman“, jedoch bereitet es riesiges Lesevergnügen. Auch wenn man nicht jede Geschichte mag; herauszuheben ist sicherlich die Einzigartigkeit von „Rosalie geht sterben“; besitzt Kehlmann nicht nur erzählerische Fähigkeiten und große Fantasie, sondern auch einen wunderbar klaren Schreibstil.

203 Seiten; Rowohlt Verlag; 18, 90 Euro.

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Montag, Juni 15, 2009

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 53

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Damals, am Meer

Die 1956 geborene und in London lebende, mit dem Guardian Fiction Award ausgezeichnete Schriftstellerin Meg Rosoff hat einen unglaubliches Werk herausgebracht. In ihrem dritten Roman nimmt sie Anleihen bei Salinger, jedoch passt dies hier wirklich. Die Erzählung über einen sechzehnjährigen Jungen an der britischen Küste, der große Abneigung gegen das Internatsleben hegt, wird zu etwas gänzlich anderen. Eine wunderbare wie sonderbare, aber so herzzerreißende Geschichte über Freundschaft.

Einige der besten Zeilen:
- Ich hatte das Gefühl, als wäre ich durch einen schmalen Spalt im Universum gefallen, das Kaninchenloch hinunter in eine idealisierte Version von This Boy´s Life.
- Wenn man in genug Augen schaute und aus den Blicken die immer gleiche Meinung sprach, glaubte man mit der Zeit, sie könnten Recht haben.
- Mit diesem Lächeln hätte man ein Loch in die Welt brennen können.
- ....man stopfte unsere Köpfe und Körper mit Texten und Wahrheiten voll, aber wir hungerten hoffnungslos, permanent und katastrophal nach dem wirklichen Leben.
- Einen Moment lang verspürte ich den Drang, ins Meer zu springen und mich von der Gegenwart freizuschwimmen.
- S. 65
- Vielleicht klingt es übertrieben, zeitlich alles so genau festzulegen, aber im Internat leben wir von Minuten: gestohlenen Minuten, Minuten zwischen Stunden, vier Minuten, um eine Zigarette zu rauchen, zwanzig Minuten für ein großes Bier im Pub, Freistunden, in denen gefälschte Abschlussarbeiten oder Schmugglerware gekauft werden konnten.
- Es war nicht schön, ihm dabei zuzusehen, aber ich zwang mich, nicht zimperlich zu sein, und befolgte meine eigenen Regeln, noch während ich sie erfand.
- Ein Kind läuft nie in die Sonne, sagte er an mich gewandt, als wäre er um meine Zukunft besorgt. „Vergiss das nicht, falls du mal eins verlierst.“
- S.98
- Ich suchte mit jeder Faser meines Wesens, aber da war nichts zu sehen.
- S.135
- Ich wurde rot, bückte mich wie ein Bittsteller und hob hastig meine Sachen auf, steckte sie in meine Schultasche, löschte mich völlig von der Bildfläche.
- Wenn man Geduld hat und wartet, wird man sehen, dass die Wahrheit (die schwächste aller Kräfte und ohne Gewicht) im Lauf der Zeit nach dem Bild der öffentlichen Meinungen umgeformt wird.
- Kurz darauf war er mit seinem liebsten Schnuller-Ersatz ausgestattet, atmete langsam und nachdenklich aus und füllte den kleinen Raum mit Rauch.
- Als ich mit dem wahren Leben konfrontiert wurde, mit echter Scheiße, Pisse und Krankheit, reagierte ich, wie kein Held tun würde. Ich rannte.
- S.194

„Damals, am Meer“ ist ein literarisches Ereignis, ein Buch, das den Leser fesselt und einem unmöglich macht vor der letzten Seite schlafen zu gehen.

Übersetzt von Brigitte Jakobeit

239 Seiten, Carlsen Verlag, 14,90 Euro

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