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Freitag, Mai 21, 2010

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 87

Jede Woche stellc ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Auch Deutsche unter den Opfern

Benjamin von Stuckrad-Barre mag es bestimmt nicht, wenn man ihn als Enfant terrible der „neueren deutschen Literaturszene“ bezeichnet. Herr von Stuckrad-Barre mag so einiges nicht, einiges mag er aber auch.
In „Auch Deutsche unter den Opfern“, einem Buch in Tradition seiner Werke wie „Remix“ oder „Deutsches Theater“, beobachtet er wieder und beobachtet dezidiert. Er sieht Westerwelle, Grass, Lindenberg, der Linken, Grönemeyer und Westernhagen aufs Maul, geht nebenbei zum Plattenkaufen, macht sich Gedanken über den Winter oder steht an der Theke im Grill Royal.
Texte über die Realität, unsere Zeit und allen voran über Deutschland.

Einige der besten Zeilen:
- Lindenberg will, wie immer, alles. Es soll knallen und rocken, und natürlich sollen auch Tränen fließen, „Taschenlampe ganz tief rein in die Seele“, wie er das nennt.
- Haußmann lacht: „Familie ist mein Spezialgebiet, da bin ick Meister im Inszenieren.“
- Mich selbst hatte ich beim hektischen Umsteigen auf irgendeinem Bahnhof des Landes stehen lassen.
- Im Wartezimmer eines Unfallchirurgen lässt sich bei jedem Mitwartenden schnell erraten, warum er dort ist – bei HNO-Patienten ist das nicht ganz so leicht, obschon die betroffene Körperregion klar umgrenzt ist. Am unterhaltsamsten ist dieses wartezeitvertreibende Spielchen im Wartezimmer eines Psychiaters.
- Eine Lösung könne immer nur die Reform der Reform bedeuten, aber dies dürften Politiker nun mal nicht zugeben, denn dann käme der Nächste, der behauptet, er hätte jetzt die Lösung, und dann werde der gewählt.
- Für sie gilt dasselbe wie für Damen, die man aus Versehen etwas zu früh zu einem abendlichen Vorhaben abholt und die einem dann missvergnügt, mit Lockenwicklern im Haar, Quarkmaske im Gesicht und Epiliergerät in der Hand die Tür öffnen: Ihre verzaubernde Wirkung entfalten sie erst im vollen Ornat, bitte bis zum Ende aller Dekorationsübungen die kritischen Augen schließen.
- Heute fährt man dazu aufs Land. Hier einzukaufen ist billiger und bequemer als in Innenstädten, das ist kurz gesagt, blöd für – zum Beispiel Karstadt.

Ein Buch wie eine Reise durch die Republik.
Durch viel Subjektivität zum Objektiven.

334 Seiten, Kiepenheuer und Witsch, 14, 95 Euro.

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Freitag, Juli 11, 2008

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 29

Jede Woche stelle ich Euch Bücher vor, welche ich in der jeweiligen Woche gelesen habe.
Heute: Deutsches Theater (Orginalausgabe mit zehn neuen Texten)

Der, in Berlin lebende, Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, Kult-Dreissiger, modischer Trendsetter und ehemaliger Geliebter von Anke Engelke hat Ende 2001 ein Werk über die Deutschen verfasst. Jetzt ist diese , von der Erzählweise einem Blog verwandte, Geschichtensammlung um zehn Texte erweitert, (Zehn Tage mit Wowereit, Blutspenden mit Vogts, Plattenkauf mit Westbam, Ateliersbesuch bei Immendorf, Bergsteigen mit Borg, Imbiss mit Flimm und weitere) neu aufgelegt worden. Auch mit sechs Jahren Abstand findet sich hier Sprachkunst und typisch Deutsches ohne wirklich an Aktualität verloren zu haben.

Einige der besten Zeilen:
- Nova Meierhenrich, die - man käme nicht von selbst unbedingt darauf - ein Journalistik- Studium abgeschlossen hat, bevor sie begann, Quark zu senden...
-..ohne die Basistragik jeder Existenz zu verniedlichen.
- Jeder Mensch denkt, er täte Thomas Gottschalk einen Gefallen, wenn er mit ihm um irgendetas wettet; Jürgen von der Lippe muss sich gerechterweise an jeder Strassenecke einen Altmännerwitz anhören, und wer immer derzeit mit Günther Jauch zu tun hat, zählt ihm prustend vier mögliche Antworten auf irgendeine Frage auf.
- Seit jeher nutzen Politiker ihre Sommerferien nicht dazu, sich vom Volk und das von ihnen zu erholen, nein in den Sommerferien sind sie den ganzen Tag damit beschäftigt, Bilder von sich"als Menschen" zu produzieren.
- Denkt man sich Berlin an diesem Morgen als verkaterten Menschen, so ist die Stadtreinigung die elektrische Zahnbürste, die er sich mit halb geschlossenen Augen reflexartig in den zerschossenen Kopf steckt.
- Alles an seinem Platz. Ganz schwierig, hier wohnend auf sich aufmerksam zu machen.
- Klaus Wowereit, dass muss man immer mal wieder festhalten, ist homosexuell und regiert die deutsche Hauptstadt gemeinsam mit den verpeilten Kommunisten der Linkspartei.
- Wir laufen ja heute von mrogens bis abends in den gleichen Klamotten rum, in diesen Mehrzweckdingern.

Benjamin von Stuckrad-Barre mag nicht jedem sympathisch erscheinen, aber schreiben kann er. Dazu sind seine "deutschen" Geschichten und deren Protagonisten wohl ausgesucht und vermittelt einen witzigen, ironischen, kritischen Einblick in das Seelenleben einer Republik.
Der Pizzabringdienst, Claus Peymann kauft sich eine Hose und Hofberichterstattung sind meine persönlichen Favoriten.

363 Seiten, Kiepenheuer & Witsch Verlag, 12,95 Euro

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