Dienstag, November 23, 2010

Süddeutsche Zeitung, 08.12.2010.


Ressort: Leute
Die Party ist vorüber
Vom Smalltalk-Roboter und Model zum ernsthaften Künstler

Gegen Mitternacht im Club Privee hat die Party über die Kunst gesiegt. Ein übermütiger Gast ist in eines der aufgehängten Gemälde gestolpert. Nichts passiert, aber Roman Libbertz, der Hausherr, bringt seine Schätze in Sicherheit: Farbenfrohe, teils grob über Zeitungspapier gemalte Pop-Art- Bilder - ein Tennisball, ein Anker, ein Herz, ein Apfel, darauf Zeichen und Botschaften wie "Alkohol", "Umkehr" oder "Me" - sowie eine verschnürte, mannsgroße Voodoopuppe verschwinden von der Tanzfläche. Bald folgen ihnen Libbertz" eifrig gratulierende Freunde und Kollegen: Michi Kern vom Pacha; Uli Springer von der Reitschule; Jürgen Maier vom Parkcafé; Max Braunmiller von der 089-Bar; der DJ René Vaitl. Der junge Mann mit der Literatenbrille und den kinnlangen Haaren umarmt alle, bevor sie aus dem Gewölbekeller wieder hinaufsteigen zur Falkenturmstraße, herzlich dankend für den Besuch seiner zweiten Ausstellung.

Zur ersten hatte ihn vor drei Jahren die Galerie Holzstraße eingeladen, aber er hat nur ein paar Freunden welche gegeben. Malen ist persönlich, überhaupt das Persönlichste für ihn, dabei sei er zu hundert Prozent er selbst. Kunst sei nichts für Wohnzimmer, sondern für Museen. Er will die Kunst mit allen teilen. "Bilder anschauen befreit. Für ein paar Minuten kommst du raus aus dem Hamsterrad." Ein stämmiger Privee-Gast quatscht ihn an, immer wieder, macht sich wichtig. Libbertz lässt ihn ins Leere schwätzen, schweigt, dreht ab, flüchtet hinter den Tresen. Keine Unhöflichkeit. Eindeutig Notwehr. Sein Club, an dem er zu einem Drittel beteiligt ist, gehört jetzt dem Partypöbel.

Roman Libbertz hat mitgeprägt, was nachts in Münchens Discos und Bars läuft. Es fing mit Schieberpartys an ("Ich mag langsame Musik."), zu denen er im Elternhaus einlud, wenn sein Vater, der Prominentenanwalt Lutz Libbertz, und seine Mutter, das Mannequin Uschi Mood, verreist waren. Einmal mietete er eine Halle an der Hansastraße und ließ den bekannten DJ Tom Novy auflegen. 2000 Leute drängelten sich hinein. Offenbar war das P1 an dem Abend leer, und so bot Münchens Club Nummer 1 dem damals 19-Jährigen aus gutem Hause die just vakante Stelle des Veranstaltungsmanagers an. Er war jung und wollte das Geld. Die Frauen. Die Macht. Und die Gaudi. "Wir haben jeden Abend Fasching gefeiert", sagt er. Er bot den gelangweilten Gästen, was sie verlangten: einmalige Ereignisse. Einmal schwindelte er, der Hollywoodschauspieler Billy Bob Thornton würde erscheinen, zufällig kam dann Ottfried Fischer, Libbertz setzte ihn in eine gut einsehbare Lounge und beorderte alle verfügbaren hübschen Frauen und Champagnerflaschen zu ihm. Welch ein Bild! Ein andermal pinnte er Sedcards von Models an die Wände und tackerte Fleisch aus der Tengelmann-Wursttheke darunter. Da war er also schon Künstler.

Er modelte für Bogner und Hilfiger. Für Sony oder Benson & Hedges richtete er mit einem Millionenetat Partys in London, Paris und Moskau aus, sprach mit austauschbaren Geschäftsleuten, lernte Mick Jagger kennen. Er schlief in den immer gleichen Designhotelzimmern. Seine eigene Partyreihe "Luna Lounge" brummte, mal im P1, mal in einer Kirche oder einem trockengelegten Schwimmbad. "Jeden Abend habe ich 600 Leuten die Hand geschüttelt." Dann zog sich der Smalltalk-Roboter zurück.

"Nach den großen Festen habe ich immer nachts heimlich geweint" - er zitiert eines seiner Gedichte. Libbertz, nun 32 Jahre alt, ist auch Schriftsteller. Nicht nur "Party-Picasso", wie Klatschkolumnisten den "Nightlife-Beau" tauften, sondern auch "Szene-Schiller" und "Nachtneurotiker". Von all dem ist er meilenweit entfernt, als er im Künstlerhaus am Lenbachplatz aus seinem zweiten Gedichtbändchen "Mit mehr Liebe" liest. 250 Hörer sitzen im Publikum. "RTL exklusiv" ist da, klar, wegen der Prominenz - aber wann hat der Sender zuletzt über Poesie berichtet? Libbertz hatte selbst eine Fernsehshow: Zusammen mit dem Pop-Moderator Nilz Bokelberg redete er auf Premiere über Literatur: "Nilz und Roman erklären die Welt." Zwei Mal war er mit anderen Internet-Kolumnisten, neudeutsch: Bloggern, auf Lesereise. Aber eine Dichterlesung, das ist neu für ihn. Er trägt zwei seiner Werke vor, Versuche über die Liebe, die sein Innerstes nach außen kehren. Dann lässt er sich vom Publikum fragen stellen. "Sind der Verstand und die Seele getrennt?", will eine Frau wissen.

Er gilt jetzt als Experte in Liebesdingen. Ausgerechnet er. Vier Jahre lang hatte er keine Rendezvous, war liebesleer; am Ende zog er sich sechs Monate lang in ein Kaff bei Neapel zurück, um nachzudenken über sich und die Welt, um zu ergründen, was die Einsamkeit aus ihm macht. Er führte weniger das Leben eines Eichendorff"schen Taugenichts" als das strebsame des Dichterfürsten Goethe: Er las ganze Bibliotheken an Romanen und Wissenschaftlichem über die Liebe. Und brachte täglich seine Erkenntnisse zu Papier und in seine Internet-Ideensammlung "Anrufe ohne Meldung" (www.romanlibbertz.de). Außerdem beschickt er die 1200 Mitglieder seiner Facebook-Gruppe "Mehr Liebe ist der Schlüssel" jeden Tag mit einem Gedicht. "Keiner kennt mich, ein zerbrochenes Champagner-Glas am Ende der Straße, in der die blauen Tränen liegen, keine Heimat, und gute Dinge streben, für immer, immer ich, kotzen und einschlafen  . . ." Zum Beispiel.

"Kunstwerke sind von einer unendlichen Einsamkeit", zitiert Libbertz Rilke, "ich habe mich lange genug weggeschlossen". Er sei wieder bereit für die Liebe und hat eine Freundin. Und er lebt wieder in seiner hellen Schwabinger Wohnung, dem ehemaligen Atelier des Malers Lovis Corinth, die er von seiner Großmutter übernommen hat. "Zur Miete. Gar nicht so teuer", beteuert er. Natürlich hat er Neider. Und natürlich hat er von seiner Familie viel mitbekommen: etwa die Adler-Schreibmaschine, die er sich als Zehnjähriger zu Weihnachten wünschte. Kontakte zu den Wichtigen. Und das Wissen, wie man sich dabei ganz natürlich verhält. "Das habe ich mal dem Gunther Sachs geschickt", sagt er etwa zu seiner großen Vision: Mit Freunden möchte er eine "Factory" gründen wie Andy Warhol, eine Kunst-Produktionsgemeinschaft. "Weil Kunst ist Liebe, und Liebe muss geteilt werden."

Noch produziert er meist alleine, das aber wie eine Fabrik: einen dritten Liebesgedichtband; ein Buch nach Vorbild des Welt-Beobachters Fernando Pessoa, für das seine Agentin Lianne Kolf (die einst Patrick Süskind zum Durchbruch verhalf) schon Hoffmann und Campe als Verlag gewonnen hat; gemeinsam mit der ehemaligen Partymieze Ariane Sommer - quasi im Ping-Pong zwischen München und Los Angeles - einen Roman darüber, ob ein Internetflirt echte Liebe werden kann; eine CD mit seinen Texten und Musik von Tom Novy; als Regisseur einen Kunstfilm als Hommage an Louis Malles "Das Irrlicht" zusammen mit dem Produzenten Quirin Berg ("Wer früher stirbt . . ."), mit dem er schon am Gymnasium gedreht hat; einen Themenabend über die Liebe mit prominenten Gästen für das Hotel Vierjahreszeiten.

Roman Libbertz macht alles gleichzeitig, und er macht es gut. Aber das ist nicht das Entscheidende, um Partner und Freunde mitzureißen. "Andere können besser schreiben, besser filmen, besser malen: Aber ich habe so eine große Leidenschaft, dass ich kein Nein akzeptiere. Wenn deine Atome schwingen, schwingen die der anderen mit." Eigentlich wollte er das alles dem Reporter in seinem eigenen Laden, dem Privee, erzählen. "Da bekomme ich wenigstens den Kaffee umsonst." Aber er muss das Interview an diesem Vormittag ins Brenners hinter der Oper verlegen, wo ihn ständig schicke, gescheitelte Menschen die Hand reichen. Die Tagesbar des Privee ist heute zu, wegen irgendwas, hat er gerade von seinen Partnern am Telefon erfahren, es interessiert ihn nicht mehr wirklich. Die Kunst hat bei Roman Libbertz halt über die Party gesiegt.

Bilder anschauen
befreit ihn
aus dem Hamsterrad.

Noch produziert er
meist alleine, aber das
wie eine Fabrik.
Von Michael Zirnstein

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