Montag, März 26, 2012

Buchvorstellung mit Roman L - Ausgabe 115


Unbestreitbar ist der 1951 in Madrid geborene Schriftsteller, wie glühender Anhänger von „Real Madrid“, Javier Marias einer der besten seiner Zunft. In seinem nunmehr dreizehnten Roman „Les enamoamientos“ (wörtlich übersetzt wäre das in etwa mit Quetschungen) beschäftigt er sich mit dem Tod, unterschiedlichen Moralentwürfen und der Verliebtheit.
Mit den Augen einer Verlagskauffrau beobachten wir die innige Vertrautheit eines Paars.
Als der fünfzigjährige Mann jedoch einige Zeit später auf höchst unglückliche Weise brutal erstochen wird, beginnt eine philosophisch, literarische Kriminalgeschichte.

Einige der besten Zeilen:
- Wer verlassen wurde, kann von einer Rückkehr träumen, davon, dass dem Verlassenden eines Tages ein Licht aufgeht            und er zu unserem Kopfkissen zurückkehrt, selbst wenn wir wissen, dass er uns längst ersetzt, sich in eine andere Frau, eine andere Geschichte vertieft hat und sich nur an uns erinnert, wenn es mit der neuen nicht gut läuft oder wenn wir hartnäckig bleiben, gegen seinen Willen bei ihm auftauchen und versuchen, ihn zu beruhigen, zu erweichen, sein Mitleid zu erwecken oder Rache zu üben, wenn wir ihn spüren lassen, dass er uns niemals ganz loswerden wird, dass wir keine schrumpfende Erinnerung sein wollen, sondern ein unverrückbarer Schatten, der ihn immer umschleichen und belauern wird, und ihm das Leben zur Hölle machen, ihn am Ende dazu bringen, uns zu hassen.
- Beim Betroffenen hält die Wirkung viel länger an als die Geduld derer, die gewillt sind, ihm zuzuhören und beizustehen, schnell versickert sie Bereitschaft in der Eintönigkeit.
- Gern wünschen wir,  dass niemand stirbt, nichts zu Ende geht von dem, was uns begleitet und liebe Angewohnheit ist, merken jedoch nicht, dass Angewohnheiten einzig dann unversehrt bleiben, wenn man sie uns mit einem Schlag nimmt, ohne dass sie abdriften oder sich entwickeln können, ohne dass sie uns verlassen oder wir sie.
- Man gewöhnt sich daran, in Erwartung einer Gelegenheit zu leben, die nicht kommt, quasi in aller Seelenruhe, in Sicherheit und teilnahmslos, quasi ohne zu glauben, dass sie je eintreten wird.
- Wie merkwürdig ist unsere Zeit, dachte ich. Über alles darf man reden, alle Welt hört man an, was sie auch getan haben mag, und nicht nur, um ihr Gelegenheit zur Verteidigung zu geben, sondern als wäre der Bericht ihr Gräuel an sich schon von Interesse.

Marias ist ein Meister der klassischen Struktur, der ganz großen Gefühle und vor allem der Leidenschaft.
Entgegen anderer Rezensenten bin ich nicht der Meinung, dass dies „der beste Marias, den es je gab“ ist, aber zumindest fast.

Großartig übersetzt von Susanne Lange

S. Fischer; 19,90 Euro;  432 Seiten.

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